
Entwicklung eines Phasenmodells zur Strukturierung der Studienwahlentscheidung für ingenieurwissenschaftliche Studiengänge
Ein Einblick in das interdisziplinäre Forschungsprojekt „Entwicklung eines Marketingkonzepts zur Werbung von Studieninteressenten für Ingenieurwissenschaften“ an der TU Bergakademie Freiberg.
Ein Mangel an Ingenieuren hemmt langfristig die Innovationstätigkeit und damit die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschafts- und Wissenschaftsstandortes Deutschland. Nach Schätzungen des Instituts der Deutschen Wirtschaft entging der deutschen Volkswirtschaft durch diesen Mangel im Jahr 2006 eine Wertschöpfung in Höhe von ca. 3,5 Mrd. Euro [1, 2]. Zur Gewinnung qualifizierter Nachwuchskräfte ist eine hohe Attraktivität des Ingenieurberufs und damit verbunden des ingenieurwissenschaftlichen Studiums erforderlich. Trotz einer zunehmenden Aufmerk-samkeit für dieses Problem und folglich einer steigenden Zahl an Initiativen und Maßnahmen bleiben die Studienanfängerzahlen in ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen konstant niedrig [3, 4, 5]. Im Rahmen eines von der DFG geförderten Projekts erarbeitet das Forscherteam Prof. Dr. Biermann (Institut für Werkstofftechnik) und Prof. Dr. Enke (Lehrstuhl für Marketing und Internationalen Handel) der TU Bergakademie Freiberg daher ein Marketingkonzept zur Werbung von Studieninteressenten in den Ingenieurwissenschaften. Dazu wird untersucht, wie Universitäten die Attraktivität eines Ingenieurstudiums erhöhen und mehr qualifizierte Studieninteressenten gewinnen können. Ziel ist die Erarbeitung eines Modellprojektes zur Erhöhung des Images des Ingenieurstudiums und -berufs. Durch zielgerichtete, relevante Kommunikationsinhalte und -maßnahmen soll die Attraktivität eines ingenieurwissenschaftlichen Studiums nachhaltig gestärkt werden. Zielgruppen des Kommunikationskonzeptes sind Schüler sowie Multiplikatoren im schulischen Umfeld (z. B. Eltern, Lehrer), die Berufsvorstellungen und -wünsche maßgeblich beeinflussen. Aufgrund ihrer strategischen Bedeutung als Basis für Innovationen dienen die Materialwissenschaft und Werkstofftechniken als empirisches Untersuchungsfeld des Projekts. Eine Verdichtung dieser empirischen Erkenntnisse ermöglicht schließlich die Übertragung und Modifikation für andere ingenieurwissenschaftliche Studiengänge.
Notwendigkeit eines Studienwahlmodells
Eine notwendige Bedingung, um ein effektives zielgruppenorientierten Marketingkonzept zu entwickeln, sind Kenntnisse über die jeweiligen Zielgruppen. In umfangreichen Literaturrecherchen wurden deshalb Theorien zum Berufswahlverhalten und Studien zur Hochschulund Studienwahl analysiert und in Beziehung zu Kenntnissen aus dem Konsumentenverhalten, dem Jugendmarketing und dem Hochschulmarketing gesetzt. Aus diesen Erkenntnissen konnte ein Prozessmodell zur Studienwahl entwickelt werden, welches es erlaubt, die Relevanz verschiedener Kommunikationsmaßnahmen in verschiedenen Prozessphasen zu erklären. Es bildet somit die Voraussetzung, um die Kommunikation ingenieurwissenschaftlicher Studiengänge auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Zeitpunkten zielgerichteter als bisher zu steuern und die verschiedenen Maßnahmen zeitlich und inhaltlich aufeinander abzustimmen.
Entwicklung des Prozessmodells
Das Studienwahlprozessmodell basiert auf den Grundannahmen, dass die Entscheidung für ein Studium ein Prozess ist [6], welcher sich in verschiedene Phasen einteilen lässt [7, 8, 9]. In der Literatur wird der Prozess häufig in fünf Phasen – Prozessanregung, Such- und Vorwahlphase, Bewertungsphase, Entscheidungsphase sowie Bestätigungsphase – unterteilt, welche in ihrer konzeptionellen Ausrichtung jedoch nur ungenügend die Wahrnehmung von Berufen und Studiengängen und den Einfluss des Berufsimages auf die Studienwahl darlegen [8, 9].
Wie die theoretischen Betrachtungen gezeigt haben, spielt jedoch gerade aufgrund der Immaterialität und Vertrauensrelevanz in der Studienwahlentscheidung das Image von Berufen und Studiengängen sowie deren Beeinflussungsmöglichkeiten wahrgenommener Alternativen eine zentrale Rolle. Folglich wurde ein Prozessmodell entwickelt, welches diese Erkenntnisse berücksichtigt. Es beinhaltet die Phasen 1) bewusste Berufe und Studiengänge, 2) ad-hoc-Bewertung von Berufen und Studiengängen, 3) gezielte Informationssuche, 4) Bewertung der Alternativen und 5) Entscheidung. Das im Folgenden vorgestellte Studienwahlmodell erlaubt es somit, umfassend festzustellen, zu welchen Zeitpunkten und in welchem Umfang das Image eines Berufs bzw. eines Studiums zur Entscheidung herangezogen wird. Zudem erklärt das Modell die zeitliche Abfolge von Aufnahme und Verarbeitung von Informationen zur Studienwahl.

- Abb. 1: Phase 1 – Bewusste Berufe und Studiengänge Quelle: Eigene Darstellung.
Phase 1 – Bewusste Berufe und Studiengänge
Aus der Konsumentenverhaltensforschung ist bekannt, dass wahrgenommene Alternativen in einer bestimmten kognitiven Struktur, dem so genannten „Awareness Set“ gespeichert werden. Dieses Awareness Set beinhaltet Optionen, die dem Individuum bewusst sind und über die es dank vorhandener, wenn auch begrenzter Informationen entscheiden kann [10]. Übertragen auf die vorliegende Problemstellung wird argumentiert, dass das Awareness Set, bestehend aus wahrgenommenen Berufs- und Studienalternativen, Ausgangspunkt für eine Studien- und Berufswahl ist [11, 12]. Weiterhin wird angenommen, dass vor allem stark profilierte Berufsbilder mit eindeutigen Stereotypen, wie z.B. Arzt oder Anwalt, Eingang in dieses Awareness Set finden [7, 13].
Wichtige Determinanten des Awareness Set sind u. a. die Berufe von Eltern und Verwandten, die Darstellung in den Medien, z. B. Berufe von Protagonisten in TV-Serien, eigene Interessen, wie z. B. Umweltschutzaktivitäten oder das nähere Umfeld, bspw. der Beruf der Eltern, von Freunden oder Klassenkameraden. Aus all diesen Quellen entstehen auf einer Makroebene mehr oder weniger realistische Vorstellungsbilder, die im weiteren Entscheidungsprozess verwendet werden (vgl. Abbildung 1).

- Abb. 2: Phase 2 Ad-hoc-Bewertung von Studiengängen und Berufen. Quelle: Eigene Darstellung.
Phase 2 – Ad-hoc-Bewertung von Berufen und Studiengängen
Ausgehend vom Awareness Set werden die wahrgenommenen Alternativen verglichen. Aufgrund unzureichender Möglichkeiten einer objektiven Bewertung (vgl. Kapitel 2.1) erfolgt eine Beurteilung anhand weniger, stark verkürzter Faktoren, so genannten Heuristiken [14, 15, 16, 17]. Eine wichtige Heuristik stellt das Image dar, das Schüler von einem bestimmten Beruf haben. [18] Daran knüpfen sich zwei wesentliche Anforderungen: Erstens muss das Image so ausgeprägt sein, dass es einen Vergleich mit dem wahrgenommenen Selbstbild bzw. mit wahrgenommenen Persönlichkeitsstrukturen, also dem Selbstkonzept, erlaubt. Zweitens muss das Image hinreichend positive Merkmale aufweisen, damit eine Identifikation mit dem Selbstkonzept möglich wird.
Das Berufsimage wird durch Kommunikation oder aber durch eigene Erfahrungen geprägt. Je mehr das Berufsimage auf eigenen Erfahrungen beruht, desto stabiler ist es und desto wahrscheinlicher ist eine Identifikation mit dem Selbstkonzept. Folglich ist anzunehmen, dass insbesondere eigene Erfahrungen, z. B. durch den Besuch einer Universität oder eines Schülerlabors, ein Berufsimage wirksam beeinflussen und verändern können [19].

- Abb. 3: Phase 3 – Gezielte Informationssuche Quelle: Eigene Darstellung.
Phase 3 – Gezielte Informationssuche
Die Phase der gezielten Informationssuche basiert auf einem erweiterten Kreis der Informationsquellen, u. a. Arbeitsämter, Studienberatung, Lehrer oder Informationsmaterialen (vgl. Abbildung 3). Im Allgemeinen führt dies zu einer intensiveren Auseinandersetzung mit alternativen Berufen und Studiengängen [20]. Potenzielle Alternativen werden wiederum einer Adhoc-Bewertung unterzogen und als Option festgehalten oder wieder verworfen. Folglich spielt das Berufsimage als Heuristik selbst in dieser Phase eine Rolle, weil es auch in dieser Phase weiter geprägt bzw. verändert werden kann.
Des Weiteren wird davon ausgegangen, dass sich Studieninteressenten vornehmlich über Berufe und Studiengänge informieren, die sie als ernsthafte Optionen erachten. [8, 20, 21] In Phase 3 sammelt der Studieninteressent deshalb möglichst viele Informationen aus unterschiedlichen Informationsquellen, die mit der Studienwahloption zusammenhängen [22]. Neben ausführlichen Informationen zum Studiengang selbst werden auch Informationen zu Möglichkeiten des Studienortes und Informationen zu den Hochschulen hinzugezogen. [8]

- Abb. 4: Phase 4 und 5 Quelle: Eigene Darstellung.
Phase 4 und Phase 5 – Bewertung der Alternativen und Entscheidung
Die Bewertung der Alternativen ist schließlich ein komplexer, mit hohen kognitiven Anstrengungen verbundener Prozess. Häufig fehlen Oberstufenschülern und Abiturienten für diesen Prozess notwendige Routinen und Strategien, die noch erlernt werden müssen [6]. Die Konsequenzen dieser Entscheidung ergeben sich erst in einem langfristigen Zeithorizont. Daher ist auch diese Phase des Studienwahlprozesses mit Unsicherheit behaftet und daher nicht nur durch kognitive Parameter bestimmt. Vielmehr spielen Emotionen, Vertrauen und Image weiterhin eine wichtige Rolle. Abbildung 4 stellt diese beiden Phasen dar und Abbildung Abbildung 5 illustriert abschließend den gesamten Studienwahlprozess.
Erklärungsgehalt und Limitierungen des Modells
Anders als bisherige Ansätze zur Berufswahl, wie dem Ansatz von Super [23] oder Holland [7, 18], betrachtet das hier vorliegende Prozessmodell verschiedene Phasen, in denen eine Stu-dienwahlentscheidung getroffen wird. Hieraus ergeben sich verschiedene Ansatzpunkte für eine Einflussnahme auf das Image des Ingenieurs, Erkenntnisse über Art und Umfang des Zusammenspiels zwischen dem Selbstkonzept einer Person und der Bewertung verschiedener Berufe und Studiengänge und schließlich zum Einsatz verschiedener Kommunikationsinstrumente. Es wird deutlich, dass das Berufsimage in allen diesen Phasen eine wichtige Position einnimmt, da aufgrund der Art der Entscheidung der Rückgriff auf Vorstellungen und Heuristiken notwendig ist. Folglich muss das Image des Ingenieurstudiums und -berufs in allen diesen Phasen umfassend, ganzheitlich und widerspruchsfrei kommuniziert werden, um die Studienwahl positiv zu beeinflussen. Die Etablierung dieses Images verlangt die Wahrnehmung des Berufs und eine gewisse Aufmerksamkeit, die Widerspiegelung wichtiger Elemente des Selbstkonzepts und schließlich eine ausreichende Differenzierung im Vergleich zu konkurrierenden Studiengängen, die in der Phase der Informationssuche und - bewertung von Schülern alternativ verfolgt werden. Folglich sollten Universitäten, Unternehmen und Verbände bei der Werbung von Studieninteressenten für Ingenieurwissenschaften eng zusammenarbeiten, um erstens gemeinsam ein einheitliches Berufsimage aufzubauen und dieses nachhaltig zu stärken und zweitens, um ihre Initiativen und Maßnahmen zur Werbung von Studieninteressenten untereinander abzustimmen sowie den Anforderungen der verschiedenen Entscheidungsphasen der Studieninteressenten anzupassen.
Dabei geht das Modell von bestimmten Annahmen aus. Es wird unterstellt, dass die Wahl eines Studienfaches der Wahl einer Universität vorausgeht. Diese Reihenfolge muss jedoch nicht zwangsläufig gegeben sein [8]. Allerdings identifizieren Heine et al. das Studienangebot als wichtigste Determinante einer Hochschulwahl. [24] Das Modell nimmt weiterhin an, dass tatsächlich eine Entscheidung zwischen Alternativen stattfindet. Es vernachlässigt daher den Sonderfall außergewöhnlich lang bestehender und fixierter Berufs- und Studienwünsche. Schließlich geht das Modell davon aus, dass sich Schüler entsprechend dem Fortschritt der Persönlichkeitsbildung zu diesem Zeitpunkt ihres Selbstkonzeptes relativ bewusst sind.

- Abb. 5: Studienwahlmodell zur Gewinnung von Studieninteressenten Quelle: Eigene Darstellung.
Weitere Projektbestandteile und Ausblick
Das Studienwahlprozessmodell wurde in verschiedenen Gruppendiskussionen mit Schülern und Studienanfängern diskutiert und untersetzt. Ausgehend von diesen qualitativen Untersuchungen wurden deutschlandweite schriftliche Befragungen mit Oberstufenschülern und Studienanfängern der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik durchgeführt. (Die Auswertung der Daten ist noch nicht vollständig abgeschlossen.) Die so gewonnenen Daten erlauben es, die einzelnen Phasen und deren Einflussfaktoren besser zu beschreiben und den Einfluss des Image auf die Studienwahl quantitativ zu untersuchen. Mithilfe der Ergebnisse wird es möglich sein, zielgerichtete Kommunikationsinhalte zu entwickeln, die das Image des Ingenieurstudiums und des Ingenieurberufs als wichtigen Einflussfaktor auf die Studienwahl verbessern.
Des Weiteren wurden mithilfe des Studienwahlprozessmodells bereits vorhandene Maßnahmen zur Gewinnung von Studieninteressenten für die Ingenieurwissenschaften hinsichtlich ihrer Wirkungsweise und deren Zeiteinsatz analysiert. Folglich ist es möglich, die empirisch identifizierten Kommunikationsinhalte in den richtigen Entscheidungsphasen der Studienwahl den Studieninteressenten anzubieten. Somit kann ein Marketingkonzept entwickelt werden, das durch die bessere Abstimmung der Kommunikationsmaßnahmen hinsichtlich des zeitlichen und inhaltlichen Informationsbedarfs Studieninteressenten überzeugt ein ingenieurwissenschaftliches Studium aufzunehmen. Dieses Marketingkonzept wird in dem zweiten Teil des Projekts für den Bereich der Materialwissenschaft und Werkstofftechnik modellhaft umgesetzt und anschließend evaluiert werden.
Danksagung
Die Autoren danken der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) für die Unterstützung des Forschungsprojekts.
Literaturverzeichnis
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Kontakt
M. Enke1
T. Schöpe2
A. Geigenmüller3
H. Biermann4
Lehrstuhl für Marketing und Internationalen Handel
TU Bergadademie Freiberg
www.wiwi.tu-freiberg.de/marketing
1 Prof. Dr. Margit Enke ist Inhaberin des Lehrstuhls für Marketing und Internationalen Handel an der TU Bergakademie Freiberg.
2 Dipl.-Wirtsch.-Ing., Dipl.-Ing. Tom Schöpe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Marketing und Internationalen Handel.
3 Dr. Anja Geigenmüller ist wissenschaftliche Assistentin am Lehrstuhl für Marketing und Internatio-nalen Handel.
4 Prof. Dr.-Ing. Horst Biermann ist Dekan der Fakultät 5 Werkstoffwissenschaft und Werkstofftechnologie und Direktor des Instituts für Werkstofftechnik an der TU Bergakademie Freiberg.